Patrick Beer: „Mir macht es unglaublich viel Spaß, Teil dieser Reise zu sein“
3. November 2026
Patrick Beer: „Mir macht es unglaublich viel Spaß, Teil dieser Reise zu sein“ Der TVG-Trainer über seine Rückkehr nach Hanau, den Teamgeist und die Fans
Für Patrick Beer wird das Derby bei der HSG Hanau (Freitag, 20.15 Uhr, Main-Kinzig-Halle) eine ganz besondere Partie. Einst führte er die Hanauer in die 3. Liga, jetzt kehrt er als Trainer des TV Gelnhausen zurück. Und das ausgerechnet als Tabellenführer. Seit seinem Amtsantritt hat sich der ehemalige Hanauer Erfolgscoach mit seiner sympathischen, bodenständigen Art schnell bei den Barbarossastädtern eingelebt. Beer stellt stets die Mannschaft in den Mittelpunkt, schwärmt vom Zusammenhalt im Verein und ist begeistert von der Leidenschaft der Gelnhäuser Fans.
Vor dem mit Spannung erwarteten Derby spricht er über seine Rückkehr nach Hanau, den außergewöhnlichen Teamgeist beim TVG und seine Freude, Teil dieser besonderen Entwicklung zu sein. Und eine klare Botschaft hat er auch an die Fans: Kommt alle mit nach Hanau!
Foto: Roland Adrian
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Patrick, die Rivalität zwischen dem TV Gelnhausen und der HSG Hanau ist bekannt. Du hast die Hanauer einst in die 3. Liga geführt und kehrst jetzt ausgerechnet als Trainer der Barbarossastädter zurück. Und das auch noch als Tabellenführer, was es in Gelnhausen seit Ewigkeiten nicht mehr gegeben hat. Hand aufs Herz: Wie fühlt sich das an, unter diesen besonderen Vorzeichen nach Hanau zu reisen?
Patrick Beer: „Ich freue mich immer, nach Hanau zurückzukommen. Die TS Steinheim ist mein Heimatverein und ich hatte eine super Zeit als Trainer in Hanau. Deshalb freue ich mich auf das Wiedersehen mit einigen Spielern, die ich früher trainiert habe, und mit vielen Menschen im Umfeld, mit denen ich tolle Erinnerungen verbinde. Zum ersten Mal als Trainer eines Konkurrenten in der Gästekabine zu stehen, wird sicherlich ein komisches Gefühl sein. Allerdings liegen inzwischen knapp sieben Jahre dazwischen. Für mich steht die sportliche Aufgabe klar im Vordergrund. Dass ich mit Gelnhausen als Tabellenführer zurückkomme, ist natürlich eine besondere Konstellation und freut mich sehr. Vor und nach dem Spiel wird es sicher viele gute Gespräche geben. In den 60 Minuten ruht die Freundschaft aber. Da werden wir alles dafür tun, die Punkte mit nach Gelnhausen zu nehmen, genauso wie die Hanauer sie zu Hause behalten wollen.“
Was hat dich dazu bewogen, wieder auf die Trainerbank zurückzukehren? Und wie kam eigentlich der Kontakt zum TV Gelnhausen zustande?
Beer: „Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich mit dem Thema Trainerbank eigentlich schon abgeschlossen. Aber als die Anfrage aus Gelnhausen kam, war dieses Kribbeln im Bauch sofort wieder da. Der TV Gelnhausen ist eine super Adresse und ich habe die Entwicklung der Mannschaft gerade in den vergangenen beiden Jahren aufmerksam verfolgt. Trotzdem war es keine reine Bauchentscheidung. Ich habe das mit meiner Familie besprochen und von dort kam sofort grünes Licht. Diese Unterstützung war für mich eine wichtige Voraussetzung. Spätestens als ich bei einem Training die Mannschaft, ihre Einstellung und das Miteinander erlebt habe, war mir klar: Das möchte ich unbedingt machen! Wer meinen Namen zuerst ins Spiel gebracht hat, weiß ich tatsächlich gar nicht. Ich vermute, dass Thomas Tamberg dabei eine entscheidende Rolle gespielt hat. Wir kennen uns noch aus unserer gemeinsamen Zeit in Hanau. Gute Frage also, der muss ich selbst noch mal nachgehen!“ (lacht)
Normalerweise kommen neue Trainer zu einem Verein, weil etwas nicht funktioniert und sie möglichst viel verändern sollen. Bei dir war es genau umgekehrt. Du hast eine funktionierende Mannschaft übernommen, die sich über Jahre entwickelt hat. Ist das vielleicht sogar die schwierigere Aufgabe?
Beer: „Es ist auf jeden Fall eine andere Herausforderung. Bisher bin ich als Trainer immer zu Vereinen gekommen, bei denen es gerade nicht so gut lief. Da gibt es meist konkrete Dinge, die man verändern muss. In Gelnhausen musste ich zunächst verstehen, was die Mannschaft stark macht und warum bestimmte Dinge so gut funktionieren. Es geht darum, diese Stärken zu erhalten und punktuell neue Impulse zu setzen. Dafür braucht man Geduld und muss genau hinschauen. Man darf nicht das Gefühl haben, sich sofort durch möglichst viele Veränderungen beweisen zu müssen. Die Grundlage ist gegenseitiges Vertrauen. Die Spieler und Verantwortlichen vertrauen mir, wenn ich neue Ideen einbringe. Genauso vertraue ich den Spielern, ihrer Erfahrung und den gewachsenen Abläufen. Dazu gehört, viel zuzuhören und miteinander zu sprechen. Eine erfolgreiche Mannschaft weiterzuentwickeln, ohne ihr ihre Identität zu nehmen, ist anspruchsvoll, aber macht mir extrem viel Spaß.“
Wie gelingt es dir, die erfolgreiche Arbeit fortzuführen und gleichzeitig deine eigene Handschrift zu entwickeln?
Beer: „Mir geht es nicht darum, dass jeder von außen unbedingt meine Handschrift erkennt. Das Team steht über allem. Veränderungen müssen der Mannschaft helfen und zu ihr passen. Daran arbeiten wir in jedem Training. Wie viel von meiner Handschrift auf dem Spielfeld zu erkennen ist, sollen andere beurteilen. Entscheidend ist für mich, dass wir als Team besser werden und gemeinsam erfolgreich sind.“
Dein Einstieg war alles andere als gewöhnlich. Erst die überraschende Anfrage zu einem eher ungewöhnlichen Zeitpunkt kurz vor Saisonstart, dann die gemeinsame Verantwortung mit Tim Beckmann und schließlich sein früher Abschied. Du musstest viel früher als geplant die alleinige Verantwortung übernehmen. Wie hast du diese turbulenten ersten Wochen erlebt? Zumal du beruflich ursprünglich bis November noch eingeschränkt warst.
Beer: „Ja, die Anfrage kam relativ spät, und durch Tims frühen Abschied mussten wir früher als geplant umdenken. Das war sehr schade, denn die gemeinsame Verantwortung wäre gerade mit Blick auf meine beruflichen Verpflichtungen bis November eine Ideallösung gewesen. Entsprechend musste ich einige Termine noch einmal neu organisieren. Ich war aber zu keinem Zeitpunkt auf mich allein gestellt. Sergej Budanow hat das hervorragend organisiert und mir einen guten Einstieg ermöglicht. So konnte ich mich Schritt für Schritt einfügen und zunehmend Verantwortung übernehmen. Ohne ihn und die anderen Trainer im Verein wäre das in dieser Form nicht möglich gewesen. Es waren intensive Wochen, in denen ich direkt erlebt habe, wie gut das Miteinander funktioniert und wie viel Unterstützung da ist.“
Inzwischen bekommst du im Trainingsalltag Unterstützung von Peter Jambor, Heiko Trinczek und dem neu hinzugekommenen Fabian Broßmann. Wie habt ihr die Aufgaben untereinander aufgeteilt und wie wichtig ist dieses Trainerteam für dich, gerade angesichts deiner beruflichen Verpflichtungen?
Beer: „Wir haben ein unglaublich gutes Miteinander. Ich sehe uns ganz klar als Trainerteam und bin Peter, Heiko und Fabian sehr dankbar, dass wir diese Aufgabe gemeinsam angehen. Diese Zusammenarbeit macht es für mich möglich, Beruf und Handball zu verbinden. Die Aufgaben stimmen wir eng miteinander ab: Wer übernimmt welche Inhalte, woran wurde zuletzt gearbeitet und was braucht die Mannschaft gerade? Dabei ist auch Sergej sehr wichtig. Er steuert die Abstimmung und sorgt dafür, dass jeder weiß, was im Training gemacht wurde und wie hoch die Belastung der Spieler ist. Davon profitiert vor allem die Mannschaft. Die Spieler bekommen unterschiedliche Impulse, verschiedene Blickwinkel und auch mal eine andere Ansprache. Gleichzeitig achten wir darauf, dass die Inhalte aufeinander aufbauen und die gemeinsamen Ziele klar sind.“
Du kennst den Handball seit Jahrzehnten und hast schon viele Vereine von innen erlebt. Jetzt hast du beim TV Gelnhausen einen ganz neuen Blick hinter die Kulissen bekommen. Was hat dich dort am meisten überrascht?
Beer: „Überrascht ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort. Es hat sich eher bestätigt, was ich schon von außen wahrgenommen habe: Der TV Gelnhausen ist sehr gut organisiert und professionell aufgestellt. Besonders beeindruckt mich, wie viele Menschen hier mit Herzblut Verantwortung übernehmen. Auch bei Trainingseinheiten sind Ehrenamtliche in der Halle, packen mit an und sorgen dafür, dass alles läuft. Dieses Engagement ist hier ganz selbstverständlich. Bei den Punktspielen spürt man dann, wie eng Mannschaft, Zuschauer und Ehrenamtliche miteinander verbunden sind. Vor diesem Zusammenhalt kann man nur den Hut ziehen.“
Der TV Gelnhausen hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Dabei wurde nicht alles auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtet, sondern langfristig und mit einer klaren sportlichen Philosophie gearbeitet. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr, jetzt, wo du selbst Teil des Ganzen bist?
Beer: „Als sich der Verein vor einigen Jahren neu ausgerichtet hat, habe ich zunächst nicht ganz verstanden, welcher Gedanke dahintersteckt. Heute kann ich diesen Weg deutlich besser nachvollziehen. Man hat konsequent auf eigene Spieler gesetzt, ihnen Vertrauen geschenkt und Zeit gegeben, sich zu entwickeln. Dafür hat man auch schwächere Ergebnisse und schlechtere Platzierungen in Kauf genommen. So ist nach und nach ein sportliches Konzept gewachsen, bei dem vieles ineinandergreift. Mich beeindruckt, dass die Verantwortlichen diesen Weg auch in schwierigen Phasen durchgehalten haben. Die positive Entwicklung zeigt, was aus Vertrauen und Kontinuität entstehen kann.“
Der Sportliche Leiter Sergej Budanow prägt den Handball beim TV Gelnhausen seit vielen Jahren wie kaum ein anderer. Gemeinsam mit Manager Philip Deinet hat er die sportliche Entwicklung maßgeblich gestaltet. Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit den beiden?
Beer: „Die Zusammenarbeit ist sehr gut. Den intensivsten Kontakt habe ich mit Sergej. Er ist immer ansprechbar, hat ein offenes Ohr und man kann mit ihm Ideen und Gedanken austauschen. Das schätze ich sehr. Sergej ist ein toller Mensch, für den die Mannschaft und jeder einzelne Spieler im Mittelpunkt stehen. Von ihm kann man sehr viel lernen. Je länger wir zusammenarbeiten, desto häufiger stelle ich fest, dass wir in vielen Dingen in die gleiche Richtung denken. Philip hat mich zum TVG geholt. Als ich früher noch gegen ihn gespielt habe, habe ich mich ehrlich gesagt nicht immer gefreut, ihn zu sehen. Das konnte auch mal wehtun. (lacht) Heute ist das komplett anders. Man spürt, wie sehr er den TVG lebt. Er hat richtig gute Strukturen geschaffen und arbeitet ständig daran, den Verein weiterzuentwickeln.“
Du hast einmal erzählt, wie überrascht du vom Trainingsniveau dieser Mannschaft warst. Wenn beim TV Gelnhausen 100 Prozent gefordert werden, dann kommen tatsächlich 100 Prozent. Ist das wirklich so außergewöhnlich, selbst für jemanden mit deiner Erfahrung?
Beer: „Ja, das ist hier definitiv so. Die Mannschaft gibt in jedem Training 100 Prozent. In dieser Konsequenz habe ich das bislang weder als Spieler noch als Trainer erlebt. Das ist schon außergewöhnlich. Die Herausforderung ist dann eher, die Belastung richtig zu steuern und die Spieler vor Überlastung zu schützen. Da muss man als Trainer auch mal bremsen oder eine Einheit früher beenden, wenn die Intensität entsprechend hoch war. Gerade diese Mentalität ist ein großer Verdienst von Sergej. Er hat sie über Jahre geprägt, und die Mannschaft lebt sie in jeder Einheit.“
Wer die Spiele des TV Gelnhausen in der Rudi-Lechleidner-Halle erlebt, spürt diese unglaubliche Leidenschaft auch auf den Rängen. Wie nimmst du die Fans und diese besondere Atmosphäre wahr?
Beer: „Die Atmosphäre ist wirklich besonders. Wir hatten den Tabellenletzten und den Vorletzten zu Gast, und trotzdem waren jeweils über 800 Menschen in der Halle. Das zeigt, wie groß die Unterstützung ist. Der Zusammenhalt zwischen Fans und Mannschaft ist überragend. Diese Energie spürt man auf dem Feld. Die Stimmung ist immer super, deshalb ist jedes Heimspiel für uns ein Highlight, auf das wir uns freuen.“
Der TV Gelnhausen steht an der Tabellenspitze der 3. Liga Süd-West. Das hat es hier seit Ewigkeiten nicht mehr gegeben. Hättest du dir bei deinem Amtsantritt vorstellen können, dass du wenige Monate später mit dieser Mannschaft ganz oben stehst?
Beer: „Nein, so vermessen war ich bei meinem Amtsantritt nicht. Mir ist sehr bewusst, dass dieser Erfolg auf der hervorragenden Arbeit der vergangenen Jahre aufbaut. Die Tabellenspitze ist eine schöne Momentaufnahme, die wir genießen, aber auch richtig einordnen können. Natürlich steht jeder Sportler gerne ganz oben. Unsere Motivation, weiter Gas zu geben, war aber auch vorher schon da. Wir wollen diese Position so lange wie möglich halten. Gleichzeitig wissen wir, dass Mannschaften wie Krefeld und Saarlouis über andere Möglichkeiten verfügen. Umso schöner ist es für uns, aktuell dort zu stehen.“
Besonders beeindruckend war das 30:30 gegen den großen Favoriten HSG Krefeld. Ihr habt zwischenzeitlich mit sieben Toren zurückgelegen und trotzdem noch einen Punkt geholt. Gab es einen Moment, in dem du selbst nicht mehr an die Wende geglaubt hast? Und was sagt diese unglaubliche Aufholjagd über den Charakter deiner Mannschaft aus?
Beer: „Das war schon ein richtiges Highlight! Während des Spiels ist man so fokussiert, dass man gar nicht darüber nachdenkt, ob es vielleicht nicht mehr klappen könnte. Man sucht nach Lösungen und versucht, der Mannschaft die richtigen Impulse zu geben, um das Spiel doch noch zu drehen. Dass diese Mannschaft aus schwierigen Situationen zurückkommen kann, hat sie in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, in dieser Saison zum Beispiel schon in Düsseldorf. Die Jungs glauben an sich und geben nicht auf. Uns darf man einfach nicht abschreiben. Wir hatten aber auch 1.300 positiv verrückte Zuschauer im Rücken, die uns unermüdlich nach vorne gepeitscht haben. Diese Unterstützung hatte einen entscheidenden Anteil an der Aufholjagd. Dieser Punkt war eine gemeinsame Leistung von Mannschaft und Fans.“
Die Rivalität zwischen Hanau und Gelnhausen hat Tradition. Du kennst inzwischen beide Seiten. Was macht dieses Derby für dich so besonders? Und was erwartest du sportlich von dieser Begegnung?
Beer: „Das Derby ist für beide Seiten etwas Besonderes. Das kann und möchte ich auch gar nicht kleinreden. Hier treffen zwei starke Mannschaften aus der Region aufeinander. Das zieht die Zuschauer an und ist wichtig für den Handball vor Ort. Ich hoffe, dass wir ein gutes Spiel erleben, das Werbung für unseren Sport macht. Derbys haben ihre eigenen Gesetze, da spielt die Tabellensituation eine untergeordnete Rolle. Ich erwarte ein intensives Spiel auf Augenhöhe, in dem wir alles abrufen müssen. Wir freuen uns unglaublich auf diesen Vergleich, hoffentlich mit dem besseren Ende für uns. Und natürlich hoffen wir auch wieder auf die Unterstützung unserer Fans. Was da zuletzt in Opladen los war, war einfach überragend. Unsere mitgereisten Fans haben uns richtig gepusht und dafür möchte ich mich noch einmal ausdrücklich bedanken. Gleichzeitig ist das natürlich auch mein Appell für Freitag: Kommt alle mit nach Hanau! Gerade in so einem Derby brauchen wir euch und eure Unterstützung. Gemeinsam wollen wir dort alles raushauen.“
Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Was traust du dieser Mannschaft in dieser Saison noch zu? Und was wünschst du dir für die weitere Entwicklung des TV Gelnhausen?
Beer: „In einer langen Saison weiß man nie, welche Herausforderungen noch auf uns und die anderen Mannschaften zukommen. Wir wollen den eingeschlagenen Weg so erfolgreich wie möglich weitergehen und uns als Mannschaft kontinuierlich entwickeln. Für die weitere Entwicklung wünsche ich mir, dass wir auf dem aufbauen, was hier in den vergangenen Jahren entstanden ist, und den Spielern weiterhin Vertrauen und Zeit für ihre nächsten Schritte geben. Mir macht es unglaublich viel Spaß, Teil dieser Reise zu sein. Ich fahre jedes Mal gerne zum Training und zu den Spielen und freue mich auf das, was noch vor uns liegt.“
